Methoden & Bausteine
Wie interdisziplinäre Infrastrukturentwicklung konkret funktioniert
Das Projekt ARTCOM hat einen systematischen Methodenbaukasten entwickelt, der fachübergreifende Zusammenarbeit nicht nur ermöglicht, sondern strukturell verankert.
Im Zentrum steht ein Verständnis von Infrastruktur als gemeinsamem Lernraum. Statt linearer Planung setzt der Ansatz auf iterative, dialogische und experimentelle Prozesse, in denen Wissen gemeinsam erzeugt, Unsicherheit produktiv genutzt und Lösungen prototypisch erprobt werden.
Der Ansatz schafft gezielt Räume für unerwartete, aber relevante Erkenntnisse („Serendipität“) und versteht unterschiedliche Perspektiven nicht als Hindernis, sondern als produktive Voraussetzung für Innovation.
Grundprinzipien der ARTCOM-Methode
Interdisziplinär – Zusammenarbeit von Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft auf Augenhöhe
Iterativ – Entwicklung durch Erprobung, Reflexion und Anpassung
Experimentell – Nutzung von Prototypen und temporären Formaten
Öffentlich – Einbindung gesellschaftlicher Perspektiven im Prozess
Situiert – Ausgangspunkt ist immer der konkrete Ort
Prozessmodell
Kunst. Wissenschaft. Transformation.
Wie lassen sich gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen gemeinsam neu denken? Unsere Formate schaffen Räume für Perspektivwechsel, kritische Fragen und kreative Zugänge. Dabei bringen wir künstlerische Praktiken, wissenschaftliche Reflexion und unternehmerisches Wissen in einen produktiven Dialog.
Im Zentrum steht das 6-Stufenmodell – ein methodischer Rahmen, der Gruppen strukturiert und zugleich offen durch einen gemeinsamen Transformationsprozess begleitet. Von der ersten Erkundung bis zur Entwicklung konkreter Zukunftsperspektiven entstehen Räume für Dialog, Erkenntnis und Gestaltung.
Begleitet wird jede Stufe durch passende Tools und Formate – etwa den Fotospaziergang, das partizipative Green-Dealer-Spiel oder strukturierte Dialogformate. Sie fördern nicht nur das Verstehen komplexer Themen, sondern auch die aktive Mitgestaltung durch alle Beteiligten.
Das Modell befindet sich derzeit in der praktischen Erprobung und wird kontinuierlich weiterentwickelt.

Das 6-Stufenmodell – kurz erklärt
Stufe 0: Vorbereitung
Themen und Fragestellungen werden gemeinsam geschärft, erste Teams gebildet.
Stufe 1: Basislager
Die Gruppe lernt sich kennen, erkundet den Ort mit dem eigens entwickelten Tool Fotospaziergang, um unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen – und öffnet sich für neue Zugänge.
Stufe 2: Routenplanung
Leitfragen, Handlungsspielräume und eine gemeinsame Transformationsutopie entstehen – inspiriert durch kreative und fachliche Impulse. Mit dem partizipativen Nachhaltigkeitsspiel werden die für das Projekt zentralen Kriterien spielerisch ausgehandelt und priorisiert.
Stufe 3: Aufstieg
Ideen werden greifbar: Konzepte, Kommunikationsformen und erste Lösungsansätze entwickeln sich.
Stufe 4: Gipfelblick
Die Ergebnisse werden sichtbar – als Ausstellung, Aktion oder Dialogformat. In Form eines Kunst- und Wissenschaftsfestivals können Inhalte öffentlich präsentiert, Räume aktiviert und Gespräche mit der Öffentlichkeit angestoßen werden. Sichtbarkeit, Resonanz und Identifikation stehen im Fokus.
Stufe 5: Ausblick
Was trägt weiter? Reflexion und Priorisierung leiten konkrete nächste Schritte ein.
Stufe 6: Der Wegweiser
Der Prozess mündet in eine dokumentierte Orientierungshilfe – als Impuls für nachhaltige Veränderung.
Transformation beginnt mit einem Gespräch – und wächst über sechs Stufen zur Bewegung.
Formate des ARTCOM-Stufenmodells
Das ARTCOM-Stufenmodell bündelt Transferformate, die künstlerische, wissenschaftliche und partizipative Ansätze systematisch miteinander verbinden. Ziel ist es, komplexe räumliche und gesellschaftliche Fragestellungen gemeinsam zu analysieren, zu verhandeln und in tragfähige Nutzungskonzepte zu überführen.
Einladung mit Kunst – Ein wertschätzender Projektauftakt
Jede:r Teilnehmende erhält zum Projektstart eine individuell kuratierte Einladung mit einem ausgewählten Kunstwerk. Diese persönliche Geste schafft Aufmerksamkeit, Wertschätzung und einen ersten emotionalen Zugang zum Prozess. Das Kunstwerk wird zum Gesprächsanlass und dient als Einstieg in die gemeinsame Reflexion über Wahrnehmung, Perspektiven und Erwartungen.
Fotospaziergang – Den Ort mit neuen Augen sehen
Im Fotospaziergang erkunden die Teilnehmenden den Projektort mit analogen Kameras und einem Fragenkatalog, der sich an fünf Einflussfeldern orientiert: Mensch, Material, Natur, Digitales und Macht. Sie bieten einen Überblick über systemische Zusammenhänge nachhaltiger Infrastrukturentwicklung. Die Fragen lenken den Blick, ohne ihn festzulegen, und regen zum genauen Hinsehen an. So entstehen individuelle Perspektiven, die den Ort in seiner Vielschichtigkeit erfahrbar machen.
Fotoausstellung – Individuelle Wahrnehmungen als kollektive Erzählung
Die entwickelten Fotografien werden kuratiert und in einer Ausstellung entlang der Einflussfelder zusammengeführt. Erst hier sehen die Teilnehmenden ihre Bilder wieder – nun als Teil einer gemeinsamen Geschichte. Die Ausstellung dient als Reflexionsraum, macht Muster und Themen sichtbar und bildet eine zentrale Grundlage für die weitere Konzeptentwicklung.
Green Dealer – Nachhaltigkeit spielerisch verhandeln
Der Green Dealer ist ein spielbasiertes Aushandlungsformat auf Basis von über 100 wissenschaftlich geprüften Nachhaltigkeitskriterien. In mehreren Runden priorisieren die Teilnehmenden ökologische, soziale, ökonomische und technologische Aspekte. Das Ergebnis ist ein gemeinsames Nachhaltigkeitsprofil, das Orientierung für weitere konzeptionelle Entscheidungen bietet.
Inseln des Gelingens – Vom individuellen Handlungsspielraum zum kollektiven Potenzial
Mit dem Format „Inseln des Gelingens“ werden individuelle Kompetenzen, Motivationen und Einflussmöglichkeiten sichtbar gemacht. Auf Basis einer Umfrage entstehen zunächst persönliche Perspektiven, die anschließend zu einer gemeinsamen „Insel“ der Projektgruppe zusammengeführt werden. Das Tool zeigt, wie aus individuellen Potenzialen kollektives Handeln entstehen kann.
Ideen Ping Pong – Ideen durch Kombination erzeugen
Beim Ideen Ping Pong treffen Textkarten mit thematischen Begriffen auf Bildkarten mit Nachhaltigkeitskriterien. Aus jeder Kartenkombination entwickeln die Teilnehmenden spontan neue Nutzungsideen – offen, spielerisch und ohne Bewertungsdruck. So entstehen vielfältige Vorschläge, die bestehende Denkpfade bewusst verlassen.
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Konzeptausarbeitung – Von Ideen zu tragfähigen Konzepten
In der Konzeptphase werden alle bisherigen Ergebnisse zusammengeführt: Fotos, Nachhaltigkeitskriterien, Einflussfelder und Ideen aus den Workshops. Mithilfe von Templates und Moodboards entstehen konkrete Nutzungskonzepte, die systemische, ökologische und soziale Dimensionen berücksichtigen. Der Prozess verbindet wissenschaftliche Fundierung mit kreativer Gruppenarbeit.
Gipfelblick – Öffnung in die Stadtgesellschaft
Der Gipfelblick bildet den öffentlichen Teil des ARTCOM-Prozesses. Konzepte, Interventionen und Programme werden am Ort selbst erlebbar gemacht und in einen Dialog mit der Stadtgesellschaft überführt. Der Gipfelblick schafft Resonanz zwischen Fachwelt, Projektgruppe und Öffentlichkeit – und erprobt Zukunft in der Praxis.
Von Formaten zur Transfer-Architektur
Die Formate sind nicht isolierte Werkzeuge, sondern Teil einer übergeordneten Transfer-Architektur.
In ihrer Abfolge verbinden sie Wahrnehmung, Aushandlung, Konzeptentwicklung und öffentliche Erprobung. Jeder Schritt bereitet den nächsten vor: Perspektiven werden geschärft, implizites Wissen sichtbar gemacht, Entscheidungen vorbereitet und gesellschaftliche Relevanz hergestellt.
So entsteht Innovation nicht als punktuelles Ergebnis, sondern als lernender, kooperativer Prozess, der sich schrittweise verdichtet.
Physische Plattformen
ARTCOM versteht Infrastruktur nicht nur als Gegenstand, sondern als aktive Plattform.
Transfer findet nicht ausschließlich in Workshops statt, sondern in realen Räumen wie:
- Baustellen und Leerständen
- temporären Nutzungen
- Reallaboren
- offenen Ateliers
- hybriden Arbeits- und Diskursorten
Diese Plattformen ermöglichen:
- institutionenübergreifende Zusammenarbeit
- Öffentlichkeit als aktiven Akteur
- langfristige Wissensakkumulation